Frankfurt - Stadt der Zuflucht
Ein Autor im Exil
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Peter Ripken
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Frankfurt - Stadt der Zuflucht
In vielen Ländern der Welt werden Autorinnen und Autoren bedroht und verfolgt. Das Ausmaß ihrer Verfolgung reicht von Publikationsverbot und Inhaftierung bis zur Bedrohung an Leib und Leben. Salman Rushdie, damaliger Präsident des Internationalen Schriftsteller-Parlaments, regte 1994 an, das Programm "Städte der Zuflucht" zu schaffen. Frankfurt beteiligt sich an diesem Programm – mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse und litprom.
Stadt der Zuflucht zu sein bedeutet: einen Autor, dessen Arbeit als Schriftsteller gefährdet ist, für mindestens ein Jahr aufzunehmen und ihm eine Wohnung und ein Stipendium zur Verfügung zu stellen. Ziel ist es nicht nur, den Autoren zu ermöglichen, ungehindert und unbedrängt ihrer schriftstellerischen Arbeit nachzugehen. Sie sollen sich auch in das kulturelle und politische Leben der jeweiligen Stadt integrieren.
Die Initiative "Städte der Zuflucht" wurde vom Europarat und vom Europäischen Parlament anerkannt. Bislang haben sich viele europäische Städte und Regionen dem Netzwerk der Städte der Zuflucht (International Cities of Refuge Network, ICORN) angeschlossen und verfolgte Autorinnen und Autoren aufgenommen. Darunter auch Oslo, Brüssel, Edinburgh, Stockholm, Göteborg, Hannover, die Region Toskana und Potenza und viele mehr.
Daniel Cohn-Bendit (heute MdEP) und damaliger Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten regte den Beitritt der Stadt Frankfurt am Main zum Netzwerk der Städte der Zuflucht an. Die Stadt Frankfurt folgte diesem Vorschlag 1997. Anlässlich der 50. Frankfurter Buchmesse beschloss 1998 der Aufsichtsrat der Buchmesse dieses Programm mitzutragen und so das Engagement des Unternehmens für die Freiheit des Wortes zu verdeutlichen. Das Projektmanagement für das Programm wurde der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. (litprom) im Hause der Frankfurter Buchmesse übertragen. Die Mittel für das Stipendium für den jeweiligen Gast kommen von der Frankfurter Buchmesse. Die Stadt Frankfurt am Main stellt ihm eine Wohnung zur Verfügung und übernimmt seine Krankenversicherung.
Neben dem deutschen Netzwerk der "Städte der Zuflucht" gibt es in Deutschland das Programm "Writers in Exile", das vom PEN-Zentrum Deutschland mit ähnlichem Konzept und Mitteln der Bundesregierung betrieben wird.
Der kubanische Schriftsteller Carlos A. Aguilera (*1970 in Havanna) ist seit Mitte August 2007 Gast in Frankfurt. Aguilera studierte romanische Philologie. Er publizierte seit 1995 in Kuba mehrere Gedichtbände und wurde 1995 mit dem David de Poesía ausgezeichnet. Dabei handelt es sich um den Preis der (staatstragenden) Vereinigung der Schriftsteller und Künstler Kubas UNEAC. 1997 gründete er mit Freunden die Zeitschrift Diáspora(s), in der Literaten und Intellektuelle, die sich nicht in den Dienst der UNEAC stellen wollten, publizierten. Nach Stipendien in Graz und Dresden lebt und arbeitet er nun in Frankfurt. Während seiner Exilzeit veröffentlichte er "Die Chinamaschine" (Übers. Udo Kawasser. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 2004) und seinen ersten Roman in deutscher Übersetzung: "Theorie der chinesischen Seele" (Übers. Udo Kawasser. Edition Erata, Leipzig 2007).
Die Rückkehr nach Kuba ist dem Autor u.a. deswegen unmöglich, weil er sich für 75 rechtswidrig (so amnesty international) inhaftierte Intellektuelle einsetzte und zusammen mit anderen Persönlichkeiten des öffentlichen und literarischen Lebens einschlägige Erklärungen abgab. Danach verhängte die Regierung in Havanna eine Einreisesperre gegen Carlos Aguilera. Im Zusammenhang mit seinen verschiedenen Aufenthalten in Europa meint Carlos Aguilera: "Ich weiß nicht, was passieren wird, aber ich habe ein Motto: Zigeuner haben kein Haus, sie sind ihr eigenes".
Das Netzwerk der Städte der Zuflucht will mit einem internationalen Programm mehr Aufmerksamkeit für die Literatur verfolgter Autoren schaffen. Unter dem Namen "Shahrazad – Geschichten fürs Leben" wird es dabei von Barcelona, Brüssel, Frankfurt am Main, Norwich (Großbritannien), Stavanger (Norwegen) und Stockholm unterstützt. Diese Städte bieten bedrohten Schriftstellern und Journalisten wie Musa Mutaev aus Tschetschenien oder Nada Yousif aus dem Irak eine Zuflucht. Die Exilanten sollen dabei nicht nur als Verfolgte sondern auch als Künstler mit besonderen Talenten wahrgenommen werden.
"Shahrazad – Geschichten fürs Leben" ist von Ende 2007 auf fünf Jahre konzipiert. In diesem Zeitraum wird die Stadt Frankfurt am Main auch Autoren aus anderen Zufluchtstädten europaweit präsentieren. Außerdem sind Workshops für angehende Schreibtalente mit Migrationshintergrund vorgesehen. Barcelona mit dem PEN Català als Partner wird sich um Filme und audiovisuelle Medien verfolgter Autoren kümmern. Norwich, eine Stadt mit hohem Einwandereranteil, stellt seine Erfahrungen mit dem "Writers in Residence"-Programm vor. In Stockholm werden grenzüberschreitende Geschichten aus dem Internet präsentiert. Und die EU-Hauptstadt Brüssel will Exilautoren ermuntern, in offenen Briefen ihr ideales Europa zu beschreiben. Denn am Ende geht es bei diesem gesamteuropäischen Projekt um die Werte des Alten Kontinents: Freiheit, Demokratie und Solidarität.






